Betrogene Ärzte II
Auf der vorherigen Seite haben Sie gelesen, wie die Ankopplung des Gesamthonorars an den untauglichen Parameter Grundlohnsumme und der Wechsel von Versicherten in Billig-Krankenkassen das ärztliche Honorar jedes Jahr schmälern. Hier erfahren Sie, wodurch Ärzte noch um weitere Honoraranteile betrogen werden.
Schmälerung der ärztlichen Vergütung durch West-Ost-Transfer, Nullrunden, DMP-Verträge, Verträge zur integrierten Versorgung und Hartz IV.
Durch das GMG, in Kraft getreten zum 1.1.2004, wurden den Ärzten weitere Belastungen ausfgebürdet, die am Honarar zehren: Die Gesamthonorare im Westen steigen nicht nur nicht durch "Nullrunden", sondern werden drei Jahre lang gekürzt, um davon die Aufstockung der Honorare im Osten zu finanzieren. Eine weitere Senkung des Gesamthonorars um 1 % ist gesetzlich vorordnet zum Aufbau der "integrierten Versorgung". Und die "Praxisgebühr" schmälert den Gewinn, weil die erheblichen Kosten für das Kassieren und Eintreiben einfach so ohne jede Kostenerstattung den Ärzten aufgebürdet werden.
1. Honorartransfer in den Osten
Weil in den neuen Bundesländern die Arzthonorare noch tiefer gesunken sind als im Westen, hat das GMG eine Zwangsabgabe ins SGB-V gebracht: Drei Jahre lang sinken die Gesamtvergütungen, die von den Kassen an die Kassenärztlichen Vereinigungen im Westen gezahlt werden, indem ein Teil abgezweigt wird und an die KVen in den neuen Bundesländern fließt. Wenn die Honorarzahlungen der Krankenkassen im Osten nicht ausreichen, die Ärzte zu bezahlen, müssen die den Kassenärztlichen Vereingungen zufließenden Gelder erhöht werden, indem die Krankenkassen angemessen zahlen. Es geht nicht an, in einem enteignungsgleichen Eingriff des Gesetzgebers die Ärzte im Westen mit der Finanzierung der Ärzte im Osten zu belasten. Die Folge: das ohnehin nicht ausreichende Gesamthonorar im Westen wird weiter belastet, die Punktwerte sinken weiter.
2. Nullrunden
Weil die von den Kassen zu zahlenden Kopfpauschalen sich an der Grundlohnsummenentwicklung orientieren müssen, und die Grundlohnsumme lngsamer wächst als andere Kenngrößen der wirtschaftlichen Entwicklung, wächst das ärtzliche Honorar ohnehin schon langsamer als Lebenshaltungskosten, Lohnkosten, Bruttoinlandsprodukt, Geldentwertung usw. . Zusätzlich wurden gesetzliche Nullrunden vorgeschrieben, die die ohnehin schon kargen Zuwächse völlig gestrichen haben.
3. DMP-Verträge
Mit sogenannten DMP-Verträgen (Disease-Management-Verträgen) für bestimmte häufige und Volks-Krankheiten soll eine verbesserte und standardisierte Behandlung dieser Krankheiten vebunden sein. Allen diesen Programmen ist gemeinsam, dass sie mit einer zusätzlichen Dokumentationspflicht verbunden sind, die ärztliche Arbeitskraft bindet. Zwar wird die Dokumentation vergütet, aber die Gelder stammen überwiegend aus der Gesamtvergütung. Im Endeffekt werden also der Krankenbehandlung Mittel entzogen, die dann für Dokumentation wieder ausgegeben werden. Die Krankenkassen sind aber ganz scharf darauf, dass möglichst viele ihrer Versicherten in diesen Programmen eingeschrieben sind. Jede Kasse erhält nämlich aus einem Topf, der sich Risikostrukturausgleich nennt, erhebliche Summen von bis zu 5.000 Euro im Jahr für jeden eingeschriebenen Versicherten. Die Kassen drängen daher darauf, auch Leute einzuschreiben, für die die DMP gar nicht geeignet sind und die von ihnen nicht profitieren. Hauptsache, der Profit der Kassen stimmt. Eine erhöhte Behandlungsqualität ist mit den DMP nicht verbunden.
4. Integrierte Versorgung
Ebenso aus dem Gesamthonorar entnommen werden die Mittel für die sogenannte Integrierte Versorgung. Diese IV-Verträge entpuppen sich immer mehr als reine Marketing-Instrumente der Kassen. Auch hier finanzieren die Ärzte die zusätzlichen Vergütungen nach den IV-Verträgen aus dem eigenen Gesamthonorar. Zusätzlich profitieren andere Leistungserbringer wie Apotheker, Krankenpflegedienste, Krankenhäuser und natürlich die Kassen selbst, weil die den Ärzten abgezogenen Gelder auch zweckentfremdet zu deren Bezahlung eingesetzt werden. Details finden Sie unter http://www.iv-vertraege.de.
5. Hartz IV - Arbeitslosenversicherung
Weil viele Meschen durch die Umstrukturierung der Arbeitslosenversicherung (Hartz IV) nun nicht mehr versichert sind, werden sie oft bei der Krankenkasse ihres Ehegatten kostenlos mitversichert. Die niedergelassenen Ärzte müssen diese Arbeitslosen nun quasi kostenlos behandeln, denn die Krankenkasse zahlt nur für jeden Hauptversicherten die Kopfpauschale, nicht aber für kostenlos mitversicherte Familienangehörige. Im Bereich der KV Westfalen-Lippe sind das bei etwa 60.000 Hartz-IV-Empfängern 25 Millionen Euro jährlichen Honorarverlust für die Ärzte. Diese Mindereinnahmen der KV führen über sinkende Punktwerte zu einem weiteren Honorarverlust bei den Ärzten.
Zusammenfassed werden die Ärzte betrogen, indem man aus der ihnen gesetzlich zustehenden Vergütung (Gesamthonorar) Gelder abzweigt, mit denen zusätzlicher Dokumentationsaufwand, Bürokratie, sowie andere Leistungserbringer wie Apotheker oder Pflegedienste bezahlt werden. Oder es werden daraus Leistungen bezahlt, die sonst die Krankenkassen zusätzlich bezahlen müssten. Oder es werden Arbeitslose als kostenlos Familienversicherte in der Krankenkasse ihrer Ehepartner untergebracht, ohne dass ein Ausgleich durch eine höhere Kopfpauschale erfolgt.
Der Gesetzgeber hungert die Ärzte also praktisch langsam aus, indem er das Gesamthonorar immer mehr schmälert, so dass eine geordnete Krankenbehandlung zunehmend unmöglich wird. Die von der Politik über Vergütungen der Ärzte herausgegebenen Zahlen sollen vorspiegeln, dass Ärzte genug verdienen und jedes Jahr mehr bekommen. Die Tatsachen über die schrumpfenden Honorare z.B. der Ärzte im Bereich der KV Nordrhein finden Sie hier.
Ziel ist eine Ausdünnung der Zahl der Ärzte und eine Abdrängen der fachärztlichen Versorgung ans Krankenhaus.
Sie merken die Auswirkungen an immer längeren Wartezeiten und spüren, dass die Ärzte in dieser Situation immer frustrierter werden. Was der Behandlungsqualität natürlich nicht nutzt. Es gibt keinen Berufsstand, der unter Hinweis auf seine Berufsethik von der Politik dermaßen gegängelt, unterdrückt und rechtlos gestellt ist, wie die Kassenärzte.
zuletzt geändert 23.08.2006