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Betrogene Ärzte

In welch vielfältiger Weise wir Ärzte die Betrogenen des Systems sind.

Wenn einige wenige Ärzte betrügerisch der Kassenärztlichen Vereinigung mehr Leistungen berechnen, als sie tatsächlich erbracht haben, sind alle anderen Ärzte die Betrogenen. Denn der Punktwert aller Ärzte sinkt und die ehrlichen bekommen weniger Honorar. Das habe ich unter "Arzthonorare" und "Tote abgerechnet ?" erklärt.

Betrogen durch das System werden wir aber auch durch das System der Kopfpauschalen und die Möglichkeit von Versicherten, die Krankenkasse zu wechseln. Am Beispiel einer Berliner Kasse will ich Ihnen das erklären.

Die derzeitigen Kopfpauschalen wurden 1993 festgesetzt, Basis war im Westen die Leistungsanforderung des Jahres 1991. Was die Versicherten einer Kasse 1991 an ärztlichen Leistungen benötigt hatten, wurde festgestellt und als Pauschale für alle Folgejahre bis heute festgeschrieben. Die Kopfpauschalen der folgenden Jahre wurden zwischen Kassen und KV jeweils "ausgehandelt" und leicht erhöht, wobei eine gesetzliche Höchstgrenze bezogen auf die Grundlohnsummen-Steigerung zu beachten war. Dadurch ist die Kopfpauschale grundsätzlich langsamer gestiegen als Kenngrößen wie Bruttoinlandsprodukt, Lohnsteigerungen oder Teuerung. Gar keine Berücksichtigung fand und findet, daß die Patienten im Durchschnitt älter geworden sind und oft chronisch krank sind, aber länger leben. Ebenfalls keine Berücksichtigung findet der medizinische Fortschritt, der mehr und höherwertige Leistungen erforderlich macht, sowie die Arztzahlzunahme durch Niederlassung zusätzlicher Spezialisten.

Nun zum Beispiel: In Berlin hatte sich 1993 die BKK Verkehrsbau Union neu gegründet mit 560 Mitgliedern. Die waren fast alle gesund und gingen kaum zum Arzt, so daß nur ein geringer Leistungsbedarf bestand. Deshalb war eine Kopfpauschale von nur DM 267,58 im Jahr vereinbart, nur etwa halb so viel wie der Durchschnitt der anderen Kassen. Diese BKK hatte und hat einen vergleichsweise günstigen Beitragssatz, so daß nach der Öffnung der Krankenkasse viele Versicherte ihr bisherige teure Krankenkasse verlassen haben und dieser BKK beigetreten sind. Derzeit hat die BKK Verkehrsbau Union etwa 219.500 Mitglieder.

Wo liegt dabei das Problem der Ärzteschaft ? Ist der Wettbewerb der Krankenkassen nicht gewollt und damit der Wechsel von teuren in billige Kassen ?

Wenn in Berlin, wie geschehen, von etwa 2 Millionen Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung 200.000 in die BKK Verkehrsbau Union wechseln und 1-2 Prozentpunkte Beitragssatz sparen, hat das Auswirkung auf das ärztliche Honorar:

Während die anderen Kassen in Berlin derzeit durchschnittlich etwa 430 Euro je Versicherten an die KV zahlen, zahlt die BKK VBU nur 240 Euro, also 190 Euro weniger. Die Kassenärztliche Vereinigung erhält also statt 880 Millionen Euro nur 842 Millionen Euro Gesamthonorar jährlich, das sind 38 Millionen Euro weniger.

Pro Jahr 38 Millionen Euro weniger Honorar für die Berliner Ärzte ! Das sind gemessen an der ursprünglichen Verteilung der Mitglieder dauerhaft 4,3 % Honorar weniger. Obwohl sich durch den Kassenwechsel nichts geändert hat an der Gesamtzahl der Versicherten, der chronisch Kranken, der Alten, der Behandlungen und erforderlichen Leistungen. Alle Leistungen müssen die Berliner Ärzte weiterhin erbringen, rechnen die gleiche Punktzahl wie früher ab, erhalten dafür aber bei sinkenden Punktwerten weniger Geld. Dabei geht es mir nicht darum, diese BKK an den Pranger zu stellen. Die angegebenen Zahlen sind näherungsweise genau. Es geht mir darum, das Prinzip aufzuzeigen: Der Wechsel von Patienten von einer teureren Kasse mit hoher Kopfpauschale in eine billigere Kasse mit niedrigerer Kopfpauschale führt zu einem sinkenden Gesamthonorar und dadurch zu sinkenden Punktwerten und weiterem Honorarverlust beim Arzt. Wollen Sie wissen, wie hoch die Kopfpauschale ist, die IHRE KASSE zahlt ? Dann klicken Sie hier ! 

Dabei ist die genannte Kasse nur ein krasses Beispiel dafür, daß der Ärzteschaft jährlich einige hundert Millionen Euro an Honorar verloren gehen, weil Millionen Versicherte in in den letzten Jahren in billigere Kassen gewechselt sind, die durchschnittlich eine geringere Kopfpauschale zahlen als die verlassene Kasse. Die billigen Kassen wähnen sich dabei noch im Recht, weil sie fast nur junge und gesunde Mitglieder haben, die tatsächlich weniger Leistungsbedarf haben als die traditionellen Kassen mit hohem Alten-, Rentner- und Chroniker-Anteil. Dann aber müssen eben die traditionellen Kassen aufgrund der bei Ihnen verbliebenen "schlechten Risiken" mit hohem Leistungsbedarf höhere Kopfpauschalen zahlen, könnte man denken. Das wäre gerecht, würde aber bei diesen ohnehin teuren Kassen weitere Beitragssteigerungen auslösen. Diese Kassen lehnen deshalb einfach Verhandlungen hierüber ab und verweisen auf das Sozialgesetzbuch, das Steigerungen der Kopfpauschalen auf die Grundlohnsummensteigerung begrenzt. So sind die Ärzte wieder mal die, die Versäumnisse der Politik ausbaden müssen bzw. von der Politik absichtlich schlecht gestellt werden. Nirgendwo sonst gibt es derartige Verträge zu Lasten Dritter. Die Ärzteschaft soll für in der Summe weniger Geld nicht nur die gleichen Leistungen erbringen, sondern am liebsten sogar noch mehr und noch bessere Leistungen.  

Seit über 10 Jahren sollen die Ärzte einer alternden, chronisch kranken Bevölkerung die Segnungen einer immer moderner und leistungsfähiger werdenden Medizin garantieren, und das bei unzureichenden Steigerungsraten der Kopfpauschalen. Diese Mini-Steigerungen werden durch Mindereinnahmen aufgrund des Wechsels zu Billig-Kassen wieder aufgezehrt oder uns sogar ganz gestrichen (Nullrunde der Ministerin Ulla Schmidt), wodurch am Ende die Gesamtvergütung sogar sinkt.

Es kann nicht so weitergehen, daß Politik und Krankenkassen für sinkende Honorare sorgen und immer mehr Leistungen fordern. Darum kann es nur heißen:

1. Die Medizin von 2006 kann es nicht zum Preis von 1994 geben.
2. Begrenztes Honorar kann nur zu begrenzter Leistung führen.
3. Begrenzte Leistung heißt strikte Beschränkung auf das, was zweckmäßig, ausreichend und wirtschaftlich ist (SGB V).
4. Begrenzte Leistung heißt besonders im fachärztlichen Bereich: längere Wartezeiten.
5. Privatpatienten werden zunehmend bei Terminen, Wartezeit und Zuwendungsintensität bevorzugt werden.
6. Jeder Kassenpatient kann Kostenerstattung wählen. Damit wird er zum Privatpatienten und bleibt doch in der GKV.

Uns liegt daran, Ihnen klarzumachen, daß Politik weiterhin versucht, 1. die wahren Gründe für die Misere im Gesundheitswesen zu verschleiern, 2. den Ärzten die Schuld an Allem zu geben und 3. die Karre vollends gegen die Wand fahren wird.

Natürlich sind die Ärzte und die Fortschritte der Medizin Schuld daran, daß die Lebenserwartung in Deutschland in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen ist. Darum kommt auch die Rentenversicherung mit ihren Sterbetafeln und Kalkulationen nicht mehr zurecht. Wollen Sie aber, daß dieses Rad zurückgedreht wird ?

Weitere Details, wie Ärzte von Pilitik und Kassen betrogen werden: Betrogene Ärzte II

Zuletzt aktualisiert: 28.05.2006, Autor: Hans-Peter Meuser 

 

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